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Es ist kein Geheimnis, dass unsere Tierheime am Kapazitätslimit angekommen sind. Teilweise stehen über 60 Hunde und mehr auf den Wartelisten für die Aufnahme! Die Ursachen für diesen Zustand sind vielfältig: Neben erhöhten Kosten in allen Lebensbereichen, Verteuerungen bei der tierärztlichen Versorgung und ungünstigen Hund-Halter:innen-Konstellationen ist eine weitere Ursache bekanntermaßen, dass Hunde auffälliges Aggressions- oder Jagdverhalten zeigen und sie deshalb abgegeben werden.

Im folgenden Artikel möchte ich den Fokus auf diese auffällig gewordenen Hunde legen, um einen Weg aufzuzeigen, wie zumindest die Anzahl dieser Hunde in den Tierheimen in Zukunft reduziert werden könnte. Gespräche mit Fachkolleginnen und -kollegen aus den Tierheimen bestätigen den Eindruck, dass viele solcher auffällig gewordenen Hunde wenig bis gar nicht erzogen wurden. Einige dieser Hunde zeigen sich schlichtweg unbegrenzt, haben keine Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. An diesem Punkt möchte ich ansetzen und die Begriffe Frustrationstoleranz, Erziehung, Impulskontrolle und die dafür nötige Bindung näher erläutern.

Der Mensch als sicherer Bindungspartner.
Der Mensch als sicherer Bindungspartner.

Was versteht man unter Erziehung und warum müssen Hunde überhaupt erzogen werden?

Ausgehend von einer biologischen Sichtweise, stellt man fest, dass Hunde in vielen Belangen mit uns übereinstimmen: Wie wir Menschen sind auch sie hoch soziale Lebewesen, in der Literatur werden sie sogar als hypersozial bezeichnet (VonHoldt et al., 2017, 2018). Wie wir brauchen auch sie einen strukturierten Sozialverband und verlässliche Bindungspartner:innen.

Allgemein ist über Strukturen im Sozialverband bekannt, dass in klaren Strukturen weder ein hoher noch ein niedriger Status zu Belastungen innerhalb des Sozialverbands führen. Das Gegenteil ist der Fall: klare Strukturen führen zu einer geringeren Belastung aller. Die Vorhersehbarkeit sozialen Geschehens scheint die Voraussetzung dafür zu sein, dass es den Tieren im stabilen sozialen System gut geht (Sachser, 2018). Im Vergleich zu ihrer Stammform Wolf haben Hunde zudem eine stärkere Neigung dazu, Regeln zu befolgen und Konflikte zu vermeiden. Mittlerweile gibt es zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, die eindeutig darauf hinweisen, dass Menschen für Hunde als Sozialpartner:innen agieren können und sich eine Beziehung zwischen Mensch und Hund ausbilden kann (u. a. Stoeckel et al., 2014, Feuerbacher & Wynne, 2017).

Diese Erkenntnisse haben Folgen, was den Umgang mit unseren Hunden betrifft: Um gut im Leben zurechtzukommen, benötigen Hunde, ähnlich wie Kinder, eine möglichst sichere Bindung, resultierend aus verlässlichen, wohlwollenden Bezugspersonen und angemessener Erziehung.

Unter Erziehung wird hierbei die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten heranwachsender Hunde verstanden, um diese gut in unseren Alltag und unser Leben zu integrieren. Eine so oft propagierte reine „Dressur“ (klassische Beschäftigungsübungen, wie „Tricks lernen“), auf die ich später zu sprechen komme, reicht hingegen nicht aus, einen Hund auf ein hundegerechtes Leben mit uns vorzubereiten.