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Dr. Iris Mackensen-Friedrichs

Test Beitrag Hundeerziehung

– oder warum Erziehung und Tierschutz kein Widerspruch ist

Es ist kein Geheimnis, dass unsere Tierheime am Kapazitätslimit angekommen sind. Teilweise stehen über 60 Hunde und mehr auf den Wartelisten für die Aufnahme! Die Ursachen für diesen Zustand sind vielfältig: Neben erhöhten Kosten in allen Lebensbereichen, Verteuerungen bei der tierärztlichen Versorgung und ungünstigen Hund-Halter:innen-Konstellationen ist eine weitere Ursache bekanntermaßen, dass Hunde auffälliges Aggressions- oder Jagdverhalten zeigen und sie deshalb abgegeben werden.

Im folgenden Artikel möchte ich den Fokus auf diese auffällig gewordenen Hunde legen, um einen Weg aufzuzeigen, wie zumindest die Anzahl dieser Hunde in den Tierheimen in Zukunft reduziert werden könnte. Gespräche mit Fachkolleginnen und -kollegen aus den Tierheimen bestätigen den Eindruck, dass viele solcher auffällig gewordenen Hunde wenig bis gar nicht erzogen wurden. Einige dieser Hunde zeigen sich schlichtweg unbegrenzt, haben keine Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. An diesem Punkt möchte ich ansetzen und die Begriffe Frustrationstoleranz, Erziehung, Impulskontrolle und die dafür nötige Bindung näher erläutern.

Was versteht man unter Erziehung und warum müssen Hunde überhaupt erzogen werden?

Ausgehend von einer biologischen Sichtweise, stellt man fest, dass Hunde  in vielen Belangen mit uns übereinstimmen: Wie wir Menschen sind auch sie hoch soziale Lebewesen, in der Literatur werden sie sogar als hypersozial bezeichnet (VonHoldt et al., 2017, 2018). Wie wir brauchen auch sie  einen strukturierten Sozialverband und verlässliche Bindungspartner:innen. Allgemein ist über Strukturen im Sozialverband bekannt, dass in klaren Strukturen weder ein hoher noch ein niedriger Status zu Belastungen innerhalb des Sozialverbands führen. Das Gegenteil ist der Fall: klare Strukturen führen zu einer geringeren Belastung aller. Die Vorhersehbarkeit sozialen Geschehens scheint die Voraussetzung dafür zu sein, dass es den Tieren im stabilen sozialen System gut geht (Sachser, 2018). Im Vergleich zu ihrer Stammform Wolf haben Hunde zudem eine stärkere Neigung dazu, Regeln zu befolgen und Konflikte zu vermeiden.

Mittlerweile gibt es zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, die eindeutig darauf hinweisen, dass Menschen für  Hunde als Sozialpartner:innen agieren können und sich eine Beziehung zwischen Mensch und Hund ausbilden kann (u. a. Stoeckel et al., 2014, Feuerbacher & Wynne, 2017).

Diese Erkenntnisse haben Folgen, was den Umgang mit unseren Hunden betrifft: Um gut im Leben zurechtzukommen, benötigen Hunde, ähnlich wie Kinder,  eine möglichst sichere Bindung, resultierend aus verlässlichen, wohlwollenden Bezugspersonen und  angemessener Erziehung.

Unter Erziehung wird hierbei die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten heranwachsender Hunde verstanden, um diese gut in unseren Alltag und  unser Leben zu integrieren. Eine so oft propagierte reine „Dressur“ (klassische Beschäftigungsübungen, wie „Tricks lernen“), auf die ich später zu sprechen komme, reicht hingegen nicht aus, einen Hund auf ein hundegerechtes Leben mit uns vorzubereiten.

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Eine Fähigkeit zur sicheren Bindung entsteht bei Hunden bereits im frühen Lebensalter (Lezama-García et al., 2019), wenn die Welpen von der Mutterhündin gut versorgt und umsorgt werden. Später wird die sichere Bindung optimalerweise von anderen erwachsenen Hunden bei der Erziehung dadurch unterstützt, dass den Welpen Erkundungsverhalten und Spielverhalten ermöglicht wird, aber gleichzeitig eine sichere Basis zur Verfügung steht. Die sichere Basis sorgt dafür, dass sich Welpen bei moderat unangenehmen, stressigen Momenten, die zu einem normalen Leben dazugehören, bei der Mutterhündin, einem anderen erwachsenen Hund oder ihrem Menschen rückversichern und darüber Ermutigung, Schutz oder Trost finden können. Indem sie bereits im Welpenalter lernen, mit moderat stressigen Momentan umzugehen, werden sie optimal auf das spätere Leben vorbereitet.

Durch diese Erfahrungen erleben die Welpen schon eine „Art“ Erziehung, da Grenzen aufgezeigt und durchgesetzt werden. Wer schon einmal erwachsene Hunde im Umgang mit Welpen in seinem Haushalt beobachten durfte, kann bestätigen, wie duldsam, tolerant und liebevoll viele erwachsene Hunde die meiste Zeit mit den Kleinen umgehen, solange diese es nicht übertreiben.

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